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Südafrika: Mord nach Sonnenaufgang oder Die Schule des Überlebens

Unzählige Tierfilme bringen die Jagd von Raubkatzen ins heimische Wohnzimmmer. Mit aufwendiger Technik wird Löwe und Co. nachgestellt, um die dramatischen Szenen – je nach Qualität des Senders oder Anspruch der Produktionsfirma – informativ, trashig oder sensationsheischend aufzubereiten. Eine Gepardenjagd in freier Wildbahn, live und ungeschnitten, beeindruckt allerdings vor allem durch die Abwesenheit jeglicher Narrative.

Es ist kurz nach halb acht Morgens. Die letzten rosa Schimmer verschwinden aus dem stetig tiefer werdenden Blau des Kalaharihimmels. Die Nacht war frisch, auf unserem Zelt lag Tau. Langsam nur wird es wärmer. Schweigend tuckern wir mit 27 Käfer-PS durch den Kgalagadi Transfrontier Park. Im Grenzgebiet von Südafrika und Botswana gelegen, ist er einer der größten zusammenhängenden Naturresevate der Welt. Trotz seiner Größe ist der Park wenig besucht. Seine Abgeschiedenheit und die rustikale Infrastruktur machen ihn für die großen Touristikanbieter eher uninteressant, und wer privat hierher will, muss im Great Karoo Meilen fressen. Die Landschaft karg, die roten Sanddünen bieten dem Auge wenig Tros. Flora und Fauna sind für ungeübte Augen weit weniger üppig als beispielsweise im Krüger Nationalpark. Doch für viele Südafrikaner ist dieser Fleck die eigentliche Perle des Landes – das Landschaft ist rau und einsam, aber ursprünglich und weit. Und wer die größten wilden Löwen sehen will, kommt hierher.[igallery id=“7207″]

 

Wir fahren durch das trockene Bett des Nossob-Flusses, passieren friedlich grasende Gnus, Oryx-Antilopen, und anmutigen Springböcke, die im weichen Licht des Morgens äsen. Mein Blick schweift langsam über die Landschaft: Die Regenfälle der letzten Wochen waren ergiebig, die sonst rot, trocken und sich endlos erstreckenden Sanddünen sind unter dichtem Grün verborgen. Plötzlich entdecke ich eine Silhouette, die mich auf die Bremsen steigen lässt.

Die Situation ist aus unzähligen Filmen so vertraut, dass das Reale des Moments seltsam unwirklich erscheint: Zwei junge Springböckchen sind beim Spiel etwas hinter der langsam ziehenden Herde zurück gefallen. Und, wie von Sir Attenborough persönlich bestellt, duckt sich ein Schatten ins falbe Gras. Ein Blick durch den Feldstecher bestätigt die atemlose Ahnung: Ein Gepard wartet dort in der Deckung, keine fünfzig Meter von uns und den leichtsinnigen Böckchen entfernt. Doch da! – zwei weitere Schatten schleichen sich seitlich an. Das ist ungewöhnlich, jagen Geparden doch alleine, schießt es mir durch den Kopf, und bevor der Gedanke noch zu Ende gebracht werden kann, brechen zwei halbwüchsige Geparden aus dem Dickicht auf die Böckchen zu. Diese wenden panisch, stieben kopflos davon, behindern sich auf ihrer Flucht gegenseitig. Die restliche Herde flüchtet hysterisch das Flussbett entlang. Wir starren gebannt als das Muttertier sich nun an der Jagd beteiligt, die Böckchen voneinander trennt und eine Antilope direkt auf uns zu treibt. Drei gefleckte Raubkatzen und eine stumm flüchtende Antilope rasen keine fünf Meter an unserem VW Käfer vorbei, das Böckchen schlägt Haken, doch es gibt kein Entkommen. Ein Schlag mit der Pranke gegen den Hinterlauf, das Opfer strauchelt, fällt. Ein letzter Schrei, dann sieht man nur noch aufgeregt peitschende Katzenschwänze aus einer Staubwolke emporragen.

Doch es ist noch nicht vorbei: Plötzlich springt das Opfer auf, und rast erneut davon! Die beiden jungen Geparden hechten hinterher, fast gemächlich trabt die Mutter in einigem Abstand. Wieder bringt ein Prankenhieb die Beute zu Fall, wieder verschwindet alles in einer Staubwolke – und das Spiel beginnt von neuem. Langsam dämmert mir, was hier geschieht: Noch haben die Jungtiere den Tötungsbiss nicht perfektioniert. Leoparden durchbeißen das Genick ihrer Beute, Löwen reißen Schlagader und Luftröhre auf, doch Geparden haben dafür zu kurze Zähne. Ihre Opfer werden wie mit einem Schraubstock langsam im Kiefer erstickt. Geduldig lässt die Mutter zu, dass ihrem Nachwuchs das Böckchen immer wieder entspringt, eine halbe Stunde geht das so. Die Springbockherde steht keine hundert Meter entfernt, schnaubend und witternd. Wie auf ein geheimes Signal wenden sie sich schließlich ab, der Fall ist verloren, und das Kitz bereits tot, obwohl es noch gut vernehmlich blökt und schreit.

Uns kommt wie eine halbe Ewigkeit vor, bis die Hufe das letzte Mal verzweifelt in die Luft schlagen, der letzte Hilferuf klagend verhallt. Es dauert eine weitere Stunde, dann ist von der Beute nichts als Gehörn und Knochen übrig. Die Katzen lecken sich gegenseitig das Blut aus dem Gesicht, Mutter und Kinder balgen noch einige Minuten verspielt, dann ist die Hitze zu groß, der Tag zu grell. Drei sehr zufriedene Geparden räkeln sich hohen Gras, und sind dann still, bis ihre Umrisse im Schatten einer große Akazie verschmelzen.

Text und Bilder: Ulf Kaschl

ulf iskender kaschl - roadmovie kapstadtRoadmovie Kapstadt 

vom Goethe Institut Johannesburg empfohlen – im Buchhandel erhältlich.
www.kaschl.de

 

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