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Südafrika: Ein amerikanischer Traum am Kap der Guten Hoffnung …

… oder „Die Anfänge der Stellenbosch Farmers’ Winery“

Die Geschichte des William Charles Winshaw ist als durchaus filmreif zu bezeichnen: Im zarten Alter von zwölf Jahren beginnt er als mittelloser Ausreißer im amerikanischen Kentucky seine Suche nach dem Glück – und stirbt gut achtzig Jahre später als Eigentümer des größten Weinproduzenten Südafrikas, der Stellenbosch Farmers‘ Winery.

Was für die USA die unbegrenzten Möglichkeiten, sind für Südafrika die unwahrscheinlichen Biografien. Angefangen bei der vielleicht bedeutendsten Einzelperson unserer Zeit, des für fast dreißig Jahre weggesperrten Nelson Mandela, der darauf Präsident und Versöhner eines neuen Südafrikas wurde, finden sich in diesem Land klassische und moderne Abenteurer, schillernde Gestalten, Aussteiger und Eroberer zuhauf. Gerade um die großen Weinfarmen ranken sich Liebes- und Geistergeschichten, Erfolgsstories und Tragödien, von denen so manche – begünstigt durch das Setting in einer dramatisch grandiosen Natur, der einzigartigen Architektur des Cape-Dutch Stils und die dem Weinanbau per se eigene Portion Romantik – Stoff für große Erzählungen sein könnten.

Für den Reisenden ist das Westkap Südafrikas mit seinen Wein und Obst produzierenden Tälern auch heute noch ein besonders reizvolles Ziel. Jedes der drei Haupttäler Berg, Breede, und Eerste sowie deren Zubringer haben ein eigenes Mikroklima, und jedes hat seine eigenen charmanten Winkel, seine interessante Dörfchen mit ihrer manchmal dramatischen und oft romantischen Historie. Ähnlich wie die verschiedenen Kombinationen aus Schiefer, Sandstein und Granit im Zusammenspiel mit der jeweils unterschiedlichen Vermengung feuchten See- und trockenem Landwindes einzigartige Weine bescheren, scheinen auch die Biografien der ansässigen Bewohner besonders romantisch und abenteuerlich. Angezogen wurden und werden sie von einer fast schon sprichwörtlichen Eigenschaft Südafrikas: ‚It’s certainly got potential.‘

Dieses Potential musste auch der junge Mr Winshaw erahnt haben, als er im Jahr 1900 nach Stellenbosch kam, denn nach den vielen Stationen seines bis dahin rastlosen Treibens beschloss der damals 29jährige Amerikaner, seinem Leben eine radikale Wendung zu geben, und als Weinbauer in Südafrika sesshaft zu werden. Das ist umso bemerkenswerter, als zuvor keinerlei Anzeichen von Stetigkeit bei ihm erkennbar gewesen wären – eine nicht eben als vernachlässigbar zu bezeichnende Eigenschaft, wenn es um die Kultivierung von Wein geht. Ebenso mangelte es ihm an jeglicher landwirtschaftlicher Erfahrung, von tiefer gehenden oenologischen Kenntnissen ganz zu schweigen.

Völlig mittellos und noch nicht einmal ganz Teenager, hatte er seine Mutter und Geschwister irgendwo in einem Armenhaus Kentuckies zurückgelassen, um das Glück anderswo zu suchen – und als Archetypus des Huckleberry Finn mit einem Landstreicher per Floß den Tennessee River hinunter zu fahren. Mit Anfang zwanzig kämpfte er als Texas Ranger im Grenzkrieg mit Mexiko, wurde ein Freund Buffallo Bills und schloss sich dessen Showtruppe an, bevor er beschloss, fahrender Arzt und Heilpraktiker zu werden, und als solcher durch New Mexico zog.

Offensichtlich war aber auch dieser Lebensstil nichts, was Mr Winshaw länger fesseln konnte. Als er das Angebot kam, als Tierarzt 4500 Pferde für die in den tobenden Burenkriegen kämpfende britische Armee von den USA nach Kapstadt zu begleiten, sagte er sofort zu.

Die Pferde lieferte William am britischen Posten Koelenhof bei Stellenbosch ab – und wer die liebliche Gegend kennt, wird nachvollziehen können, dass sie bleibenden Eindruck hinterließ. Auf einer kleinen Farm namens Patrysvallei ließ sich William Winshaw nach Ende der Burenkriege nieder – und fing in seiner Küche mit wenig mehr als einem Herd, einigen Eimern und jeder Menge Motivation an, Wein herzustellen. Erstaunlicherweise hatte er von Anfang an den richtigen Dreh raus und produzierte fast sofort konkurrenzfähige Produkte, sodass er bereits 1909 seine erste Firma, die Stellenbosch Grape Juice Works anmelden konnte.

Doch für Einsteiger waren die Zeiten im Weinbusiness schlecht. Südafrika ertrank schier an der Überproduktion lokaler Weine. 1921 musste Winshaw Insolvenz anmelden, doch er ließ nicht locker. 1926 konnte er seine Farm zurück kaufen, und sogar die berühmte Libertas Farm gleich mit übernehmen. Die vereinigten Güter firmierten fortan unter dem Namen der Stellenbosch Farmers‘ Winery, und William selbst blieb viele lange Jahre bis 1962 mit großer Fortune Direktor des Unternehmens. Er bestand stets auf höchsten Produktionsstandards, und legte großes Verhandlungsgeschick bei der Übernahme durch die South African Breweries Ltd. an den Tag. Dabei wurde er nicht müde, die natürliche gesundheitsfördernde Wirkung seiner Weine zu beschwören – und diesen immerhin ärztlichen Rat selber eifrig zu befolgen.

William Charles Winshaw erfreute sich folgerichtig auch einer hervorragender Gesundheit. Erst im Jahre 1962, im Alter von 92 Jahren, gab er schließlich die Leitung seiner Firma an seine Söhne weiter, um weitere vier Jahre heiter seinen Ruhestand zu genießen.

Am 5. Dezember 2000 kooperierte Stellenbosch Farmers Winery mit Distillers Corporation, dem Liquor Imperium von Antony Rupert, und agieren seit dem gemeinschaftlich unter der  Firmenbezeichnung Distell.

Die Distell Group und somit die ehemalige Stellenbosch Farmers Winery ist heute der größte Produzent von Weinen und Spirituosen in Südafrika, und vertreibt etwa ein Drittel aller in Südafrika verkaufter Weine, unter anderem so klanghafte Namen wie Nederburg (obwohl in Paarl und nicht Stellenbosch beheimatet) Zonnebloem, 5th Avenue Cold Duck, Lanzerac, Kellerprinz, Capenheimer und Lieberstein. Auch das heimliche Nationalgetränk Südafrikas, Savanna (Cidre) und der beliebte Creme Likör Amarula (1989) wird von der Distel Group hergestellt und international vermarktet.

Weitere Beiträge unter: Südafrika Wein & Style

Text und Bilder: Ulf Kaschl

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www.kaschl.de

 

 

 

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