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Nachts, wenn das Fernweh kommt

Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie die Herbstfront Stuttgart erreicht, und die erste Welle kalten Niederschlags an die Schindeln brandet. Die Heslacher Kirchturmuhr schlägt halb drei. In knapp drei Stunden heißt es aufstehen und seinen Platz einnehmen im Uhrwerk der deutschen Gesellschaft. Mich schaudert und ich ziehe die Decke über beide Ohren. Plötzlich – ein wohlvertrautes Summen. Wer in Dreiteufelsnamen schreibt mir denn um diese Zeit noch eine SMS? Das Display leuchtet unheilvoll durchs Dunkel. Als ich schließlich mit zusammengekniffenen Augen die Botschaft entziffert habe, rauscht mir das Adrenalin durch die Adern, und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Acht Zeilen Text aus Südafrika – und ich werde zurück katapultiert in eine andere Zeit, ein anderes Land, eine andere Existenz.

„Sitze gerade im Nachtbus nach P.E.“ schreibt mir da ein jugendlicher Freund aus 10.000 Kilometer Entfernung, „Es stürmt, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich bin der einzige Weisse an Bord, zwei Reihe vor mir muss jemand mindestens ein halbes Kilo Grass dabei haben, so wie es hier stinkt. Meine Taschen sind randvoll mit Bargeld für einen 1972er VW Combi. Mit dem heize ich morgen zurück nach Cape Town zu meiner Flamme, und wir checken die coolsten Spots des Western Cape aus. Gruß aus dem Süden – eigentlich wird es hier gerade Sommer!“

„Um Gottes Willen, pass auf dich auf!“ tippe ich hektisch eine Antwort. Dass dieser junge Mann in Südafrika unterwegs ist, muss teilweise meinem Einfluß angelastet werden, und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber meinem ehemaligen Schüler ist auch heute noch, wo er seinen Master an der UCT macht, ausgeprägt.

Doch die mahnende Stimme des Eltern-Ichs verliert mit jedem Buchstaben an Kraft, und schließlich muss ich grinsen und lösche den Text. Dann lese ich seine SMS ein zweites Mal. Die Risikobereitschaft, die man selber mal hatte … der Leichtsinn, die Unbeschwertheit, der Schutzengel, der hoffentlich mitfliegt … ah. Kapstadt.

„Roadmovie Rock ’n Roll!“ schreibe ich statt dessen, und lege lächelnd das Handy bei Seite, nur um kein Auge zuzubekommen. Und in Gedanken mit einer alten Rostkarre die West Coast hochzufahren, in Paternoster Crayfish direkt vom Boot zu kaufen, in den Nebel der Titiesbaai zu starren und der R 27 ins Landesinnere zu folgen, zwischen verbrannten Bergen und Kokerbooms mein Braai in Gang zu kriegen und nachts so lange in den Sternenhimmel zu starren, bis das Genick schmerzt.

Die Heslacher Uhr schlägt die volle Stunde, der Regen ist zu einem Tröpfeln verklungen. Und wieder greife ich nach dem Handy, und schicke eine Botschaft in einen Reisebus, der sich am anderen Ende der Welt gegen den Sturm in Richtung P. E. kämpft.

„Genieße es! Genieße jeden Fitzel deiner Zeit!“, simse ich, und bis zum sechsten Glockenschlag denke ich nicht an Steuererklärung oder Stuttgart 21, sondern an dieses Gefühl, wie es ist, früh morgens nach einer Sturmnacht am Strand von Muizenberg spazieren zu gehen, und einen Argonauten zu finden.

 

Ulf Iskender Kaschl ist Lehrer in Stuttgart und Autor von ‚Roadmovie Kapstadt‚. Wer ihn live bei einer Lesung erleben möchte, hat dazu am 02. November im Kulturzenturm PFL Oldenburg Gelegenheit.

 

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