Jahr: 2007

Sind wir zu pessimistisch?

Nachdenkliches aus der Redaktion Wie geht das zusammen? Auf der einen Seite bieten wir auf CAPETOWN-ONLINE hochwertige Immobilien in Kapstadt an, auf der anderen Seite berichten wir über die zunehmende Gewalt im Land und die eindeutigen Fehlleistungen in der südafrikanischen Politik. Zugegeben, das ist ein manchmal schmerzhafter Spagat, doch dieser Spagat verdeutlicht auch das südafrikanische Dilemma. Sicherlich, das Land am Kap bietet viel: kulturelle Vielfalt, ein perfektes Klima, einmalige Natur, malerische Strände und endlose Weinberge. Doch für all diese Vorzüge ist ein Preis zu zahlen. Kaum ein anderes Land, das ich kenne, zwingt einen so regelmäßig und grundsätzlich über diesen imaginären Preis nachzudenken, und hier liegt eben das südafrikanische Dilemma. Wann ist die Schmerzgrenze erreicht? Diese Fragen stellen wir uns doch auch beim Kurs des US-Dollar, oder beim Benzinpreis. Ist es da nicht sinnvoll, auch über den südafrikanischen Preis nachzudenken, oder sollen wir so vehement die Augen vor der Realität verschließen, wie jüngst der FIFA-Mogul Joseph Blatter, als er die Ermordung eines Österreichers zeitgleich zur Auslosung der Fußball-WM in Durban wie lästige Brotkrumen vom reich …

Der Machtkampf im ANC, Jacob Zuma geht in Führung

Nun sind es noch zwei Wochen bis zum Parteitag des African National Congress. In der letzten Ausgabe dieses Newsletters hatte ich über das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem amtierenden ANC-Präsidenten, Staatspräsident Thabo Mbeki, und seinem Stellvertreter im Parteiamt, Jacob Zuma, berichtet. Das war vor Beginn der offiziellen Nominierungsphase auf Provinzebene. Die ist nun abgeschlossen und auch die ANC-Jugendliga und die ANC-Frauenliga haben ihre Kandidaten gewählt. Das Ergebnis: Vier Provinzen haben sich für Mbeki ausgesprochen (Western Cape, Eastern Cape, North West und Limpopo). Die anderen fünf Provinzen (Northern Cape, KwaZulu Natal, Mpumalanga, Free State und Gauteng) sowie Jugend- und Frauenliga haben Zuma für den Spitzenjob der Partei nominiert. Die Personen, die Delegierte im Nominierungsprozess waren, werden auch in Polokwane auf dem Parteitag ihre Stimmen abgeben. Die Zahl der Delegierten ist von Provinz zu Provinz verschieden und es besteht kein Zwang, das eigene Stimmverhalten an der Mehrheit im Nominierungsprozess auszurichten. Die Karten werden also noch einmal neu gemischt und auch in Polokwane wird in geheimer Wahl abgestimmt. Aber wer glaubt schon daran, dass in zwei Wochen die deutliche Majorität …

Schlachtfeld Asphalt

Über die Risiken auf Südafrikas Straßen Wenn über die Risikofaktoren Südafrikas berichtet wird, steht die Kriminalität ganz oben auf der Liste – zu Recht. Kaum jemand aber erwähnt, dass es auch im Straßenverkehr ungemein gefährlich ist. Ich habe in meinem “Handbuch Südafrika” hierauf aufmerksam gemacht und kam mir vor wie ein einsamer Rufer. Die Zahlen zu den Verkehrstoten sind erschreckend. Gleichwohl hat das Thema Verkehrssicherheit in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle gespielt. Dabei kann man sich gegen Verbrechen in einem gewissen Umfang schützen. Wenn man sich aber hinters Lenkrad setzt, sind die Möglichkeiten der Vorsorge schon begrenzt. Ich möchte die Dimensionen des Risikos mit einem Vergleich von Deutschland und Südafrika durch einige Zahlen aufzeigen: Verkehrstote 2004, 2005 + 2006 Deutschland 5.844 / 5.361 ( -8,2%) / 5.094 (-2,7%) Südafrika 12.664 / 14.135 (+10,6%) / 15.393 (+8,9%) Zugelassene Kraftfahrzeuge 2006 Deutschland 54.9 Mio Südafrika 8,5 Mio Schon die absoluten Zahlen zeigen das ungleich höhere Risiko auf südafrikanischen Straßen. Erschreckend ist auch der rasante Anstieg Opfer der letzten Jahre in Südafrika, während Deutschland von Jahr zu …

Halb voll oder halb leer?

Von Statistiken wird gesagt, sie seien wie Bikinis: Man könne viel sehen, Wesentliches werde aber verdeckt. Kein Wunder also, dass Politiker gerne mit statistischem Zahlenmaterial vermeintliche Erfolge belegen, die bei näherer Betrachtung aber eher ein Schuss in den Ofen sind. Oder doch zumindest die Frage aufwerfen, ob das Glass nun schon halb voll oder doch immer noch halb leer ist. Das Statistische Amt von Südafrika hat jüngst eine Erhebung veröffentlicht, die unterschiedlich interpretiert werden kann. Im Februar 2007 hatte die Behörde mit der Community Survey 2007 begonnen. 949.105 Personen in 246.618 Haushalten (alle repräsentativ für die hiesige Bevölkerung, also auch unter Einschluss der Weissen) sind zu verschiedenen Bereichen erfasst und befragt worden. Wenn man sich die wichtigsten Resultate betrachtet, könnte man glatt annehmen, sie würden aus einem der Armenhäuser dieser Welt stammen und nicht aus dem wirtschaftlichen Powerhouse Südafrika. Was soll man davon halten, dass im Südafrika des Jahres 2007 folgende Zustände amtlich belegte Realität sind? 29,5% aller Menschen (das sind fast 15 Millionen!) leben in Behelfsunterkünften, jenen Blechhütten, die auf Touristenfotos oft einen folkloristischen …

Rassenquoten im Sport

Der südafrikanische Weg zu repräsentativen Sportmannschaften Der Sieg der Rugby-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Frankreich am 14. Oktober hat in Südafrika die jahrelange Diskussion zum Für und Wider von Quoten im Sport neu entfacht. Das südafrikanische Team hatte im Finale 13 weisse und 2 farbige Spieler (Petersen und Habana) auf dem Feld, keinen einzigen schwarzen – für viele eine Provokation. Coach Jake White hatte sich in den vier Jahren seiner Amtszeit erfolgreich gegen den Druck von Politikern und Verbandsfunktionären gewehrt, das strikte Prinzip von Leistung zu verwässern und zum Zweck “politischer Korrektheit” die Zahl weisser Spieler zu limitieren. Nun hat eine überraschende Wende gegeben. Erst war es Sportminister Makhenkesi Stofile, der am 6. November vor dem Sportausschuss des Parlaments verkündete, das Quoten-System für National-Mannschaften müsse beseitigt werden. Zwei Tage danach folgte Staatspräsident Thabo Mbeki höchstpersönlich. In einer parlamentarischen Fragestunde hielt er ein heftiges Plädoyer gegen Quoten und für das Leistungsprinzip bei der Selektion von Spitzenteams. Und so ging die gute Botschaft gleich zweifach um die Welt: “quota system is out”. Das ist indes nur bedingt …

Vertrauenskrise nach der Suspendierung von Vusi Pikoli

Seit dem 24. September 2007 steht der Name Vusi Pikoli für eine Entwicklung in der südafrikanischen Politik, die man mit Sorge sehen muss. Die Beurteilung reicht von einem eher milden Kopfschütteln über ein dilettantisches Management in einer Personalfrage bis zur Ausrufung einer Verfassungskrise, die an die Grundfesten des Landes gehe. Schauen wir uns zunächst die Fakten an. Vusi Pikoli ist Direktor der National Prosecuting Authority (NPI), einer Art von Generalstaatsanwaltschaft. Ein Teil der NPI sind die “Scorpions”, eine hochqualifizierte Truppe von Ermittlern. Von Anfang an haben die NPI und ihre Scorpions spektakuläre Ermittlungserfolge erzielt, mit denen sie sich aber in der großen Politik nicht nur Freunde gemacht hatten. Pikolis Vorgänger Bulelani Ngcuka hatte das schon 2004 zu spüren bekommen, als er sich reichlich glücklos um Bestechungsvorwürfe im Zusammenhang mit Rüstungsgeschäften gekümmert hatte. Er war es, der die Entscheidung traf, Jacob Zuma nicht anzuklagen, obwohl es einen starken “Anfangsverdacht” gegeben hatte. So kam es, dass lediglich Zumas “Finanzberater” Schabir Shaik der Prozess gemacht wurde. Vusi Pikoli ist nun seit dem 24. September diesen Jahres suspendiert, und …

Mit der Zinsschraube gegen die Inflation

Die Südafrikanische Zentralbank (South African Reserve Bank – SARB) hat – wie vergleichbare Institute anderswo – eine Hauptaufgabe: Mit banktechnischen Mitteln die Inflation im Griff zu behalten. Schon seit Jahren liegt die selbst gesetzte Spannbreite zwischen 3 % und 6 %. Nach vielen Jahren mit zweistelligen Inflationsraten war es erstmals im Juli 1995 gelungen, dauerhaft in den einstelligen Bereich zu kommen. Und im Juli 1999 konnten die 6 % unterschritten werden. Nach einem kurzen Intermezzo mit Zahlen bis zu 7,4 % (August 2000 bis Juni 2001) konnte die SARB die Inflation im gesetzten Korridor halten. Teilweise war die Rate auf 0,2 % (April 2004) gesunken. Im März 2007 war es dann aber so weit: Der langsame aber stetige Anstieg der Inflationsrate führte mit 6,1 % in den Bereich über dem Limit. Schon im Juni 2006 hatte die SARB mit dem Anziehen der Zinsschraube begonnen, um den damals schon deutlich werdenden Trend zu stoppen. Fast routinemäßig wurde dann im Zweimonatstakt der Leitzins um jeweils 0,5 % angehoben. Aus jetziger Sicht muss festgestellt werden, dass dies zu …

Der Machtkampf im ANC

Noch 48 Tage bis zum Parteitag des African National Congress in Polokwane. Das wird nicht irgendein Delegiertentreffen sein, sondern ein Parteitag, der für die Zukunft Südafrikas eine überragende Bedeutung haben wird: Es wird ein Machtkampf entschieden, der schon viele Bauernopfer gesehen hat, dessen Auswirkungen Politik, Verwaltung und Justiz paralysieren und der die politische Landschaft verändern wird. Es geht um Jacob Zuma oder Thabo Mbeki. Es geht um links oder rechts. Es geht um Populismus oder rationale Politik in einer globalisierten Wirtschaft. Und es geht um die Seele des ANC, um dessen Allianz mit der Kommunistischen Partei SACP und dem Gewerkschaftsdachverband COSATU. Jacob Zuma steht für links, Populismus und ist der Mann von SACP und COSATU. Er ist der Mann der Basis. Er ist stellvertretender Präsident des ANC und er war bis 2005 Vizepräsident des Landes. Seit der Ausgabe II/2005 hat dieser Newsletter immer wieder über ihn berichtet – und es gab eine Menge zu berichten. Thabo Mbeki, Präsident des ANC und Staatspräsident seit 1999, ist der Mann des wirtschaftsnahen Parteiflügels, des Establishments, ein Kritiker von …